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Jorge González im Interview bei ARD.börse

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Jorge González über Illusionen und alte Flanellhemden

Meist ist der “Let’s Dance”-Star auf Zwölf-Zentimeter-Highheels unterwegs. Der Modeexperte erklärt, warum’s bei manchen Firmen kriselt.

Wieso läuft es bei Marken wie Gerry Weber schlecht – im Vergleich zu H&M?

Im Wettbewerb entscheidet, wer Trends setzen kann. Gerry Weber zum Beispiel hat es m. E. versäumt, rechtzeitig die Wichtigkeit dieses Trendfaktors zu erkennen. Zara und H&M dagegen beherrschen es dagegen, sehr schnell die Bedürfnisse der Kunden in modisch sehr attraktive Angebote ihrer Produktpalette umzusetzen. Sie haben einen unschlagbaren Preis und eine Qualität, die ganz ordentlich ist. Sie setzen heute die Trends. Und verkaufen die Illusionen ihrer Werbebotschaften. H&M hatte eine wirklich wunderbare Werbestrategie mit echten Top-Designern wie Lagerfeld. Das ist eine Sache des Marketings.

H&M sowie Zara verändern auch die Kollektionen in den verschiedenen Ländern. Sie reagieren auf die lokalen Märkte.

Die Qualität der Kleidung spielt im Wettbewerb also keine Rolle mehr?

Die Leute interessieren sich nicht mehr so für Qualität. Sie sehen etwas auf der Straße und fragen sich: Warum trage ich das nicht? Die Materialien bei Tom Tailor und H&M sind fast gleich. Und Tom Tailor hat viel Vertrauen der Kunden im Fell-Skandal verspielt.

Was würden Sie schwächelnden Marken raten?

Unternehmen wie Gerry Weber oder Tom Tailor müssen Trendfaktoren verfolgen. Sie müssen moderner sein und trendy in der Werbung. Und manchmal würde ich auch sagen: Sie müssen mehr zurück zu den Wurzeln. Sie stehen für Mode im mittleren Preissegment mit entsprechender Qualität. Und ich glaube, dass bald der Impuls von den Leuten kommen könnte, dass es zu viele billige Ketten gibt.

Also dreht sich alles um den Trendfaktor?

Es geht darum, was die Leute auf der Straße anspricht, was sie cool finden. Den Zeitgeist treffen. Das ist aber auch das Widerliche am Trendfaktor: Was der eine macht, macht der andere auch. Vieles in der Modeindustrie ist gleich, es gibt keinen Input, einiges ist zweiter Klasse. Die Leute wollen aber Glamour. Das macht H&M mit seinen Kooperationen mit Top Designern – Glamour mit niedrigem Preis.

Deutschland ist ein alterndes Land – würden Sie Modeunternehmen raten, sich darauf zu fokussieren?

Mode kann zeitlos sein. Was ist denn heute schon alt? Eine 60-Jährige muss nicht wie eine 100-Jährige aussehen. Natürlich hat sie auch nicht das Dekolleté einer 20-Jährigen. Aber man kann den Schnitt jeweils adaptieren. Der Mensch will sich doch mit Mode ausdrücken.

Wichtig ist: Du musst das, was du trägst, auch repräsentieren. Sei deinem Stil treu. Der Mensch braucht seinen eigenen Trend und sollte nicht nur dem von anderen folgen.

Wo liegt die Zukunft der Modewelt – online oder offline?

Der Onlinehandel ist eine interessante Entwicklung gewesen. Aber er hat den Einzelhandel kaputt gemacht. H&M hat intensiv reagiert und hat gesehen, dass viele Leute im Web unterwegs sind. Viele Label haben rechtzeitig reagiert, manche haben es aber auch noch nicht kapiert.

Aber der stationäre Handel leidet unter den Web-Shops. Ich denke aber, dass die Leute immer wieder in die Läden gehen werden. Das ist ein Ritual, das sie genießen. Zumindest hoffe ich das, denn es ist wichtig für unsere Industrie.

Die Konsumstimmung in Deutschland ist gut, Unterhaltungselektronik verkauft sich beispielsweise solide. Drückt man seinen Status heute mit dem iPhone aus statt mit teuren Marken-Klamotten?

Viele Leute sehen nicht auf den ersten Blick, ob ein Anzug maßgeschneidert ist oder von Zara. Aber beim Smartphone sieht man es. Da sind wir wieder an dem Punkt Trendfaktor. Und der Macht der Werbung – mit der und Kreativität bewegt man den Markt.

Tragen Sie selbst auch einige der genannten Marken?

Ich habe ein paar Sachen von H&M und von Zara.

Aber nichts von Tom Tailor oder Gerry Weber?

Von Tom Tailor habe ich ein Flanellhemd – dass ich das gekauft habe, ist aber schon lange, wirklich lange lange her.

(c) http://boerse.ard.de/anlagestrategie/branchen/rtl-star-jorge-gonzalez-zu-modeaktien100.html

Fotocredit: Gert Krautbauer

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